KlimaNotizen – ergänzende Infos zum Klimawandel

Wetterextreme :
Tornados - eine windige Geschichte

Liebe Leser,

in diesem Sommer gab es einige Aufsehen erregende Tornados in Deutschland. So zerstörte am 23. Juni ein Tornado Teile des Dorfes Micheln bei Köthen in Sachsen-Anhalt.

Immer wieder wurde in den letzten Jahren das Aufkommen von Tornados mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht.

Daher titelte die Bild-Zeitung in ihrer Ausgabe* am 20. Juli : “Warum toben die Herbststürme jetzt schon im Sommer?”, und fragte: “Was haben Tornados bei uns zu suchen?”.
Prof. Dr. Mojib Latif von der Uni Kiel wurde mit folgender Antwort zitiert:
„Eigentlich nicht sehr viel. Aber diese Wetter-Extreme treten auch bei uns immer öfter auf. ...”

Wenn man sich die Fakten anschaut, kann man allerdings zu ganz anderen Einsichten gelangen.
Womit das hier ein Thema für diesen Newsletter ist.

Weitere Themen sind in der Warteschlange.
...
Für Infos, Anregungen und Meinungen bin ich dankbar.
Mehr gibt es außerdem auf der Homepage:
www.KlimaNotizen.de

Mit besten Grüßen

Klaus Öllerer
info@KlimaNotizen.de
01.08.2004/12.12.2009

 

Wetterextreme :
Tornados - eine windige Geschichte

Was sind Tornados ?
Tornados in Deutschland und Europa
Haben Tornados zugenommen ?
Wird es in Zukunft mehr Tornados geben ?
TornadoGate: die Bild-Zeitung und Prof. Latif über Tornados

Tornados sind in Deutschland und in Europa eine ganz normale Erscheinung.
Es gibt keine Hinweise, dass die Anzahl oder die Schwere der Tornados zugenommen haben.
Prof. Latif äußert sich in der Bild-Zeitung wider besseres Wissen

Was sind Tornados ?
Tornados sind große Luftwirbel mit vertikaler Achse, die vom Rande einer Wolke meist bis zum Erdboden herabreichen. Windhosen (über Land) und Wasserhosen (über Wasser) sind gleichartige Erscheinungen.4

Ein Dorf wurde gerade “zerlegt”: Micheln am 23. Juni 2004 3

Stürme sind im Vergleich zu Tornados nur einfache, meist horizontal blasende Winde.

Tornados in Deutschland und Europa
Derzeit gibt es insgesamt 863 registrierte Tornados in Deutschland. Die erste Meldung stammt aus dem Jahre 855. 2

Die Karte zeigt alle jemals registrierten Tornados in Deutschland. 2

Die wirkliche Zahl vorkommender Tornados ist wesentlich höher, da sie erst seit einigen Jahrzehnten überhaupt systematisch registriert werden.

Für ganz Europa wird die Anzahl auf über 300 geschätzt, davon in Deutschland 25-30 pro Jahr. 4

Die USA registrieren im gleichen Zeitraum ca. 1100 Ereignisse. Das Verhältnis 1100 zu 300 deutet darauf hin, dass Tornados auch in Europa eine sehr normale, wenn auch unterschätzte Erscheinung sind. 4

Man geht von einer Intensitätsverteilung in Deutschland ähnlich wie in den USA aus. D.h. Tornados mit der hohen Einstufung “verheerend” (F5 Fujita-Skala) kommen aufgrund der geringen Häufigkeit hier vielleicht alle paar Jahrhunderte vor.

Am 1. Juni 1927 tobten Tornados der Einstufung F3 und F4 durch Lingen und Auen-Holthaus in Niedersachsen.3 Die Verheerungen waren fürchterlich.
Diese Ereignisse führten zu großer Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und in den folgenden Jahren wurden vermehrt Tornados registriert.

Die meisten Tornados gibt es im Juli, sie erscheinen im Zusammenhang mit der Gewitterhäufigkeit und treten meistens zwischen 16-18 Uhr auf. 2

Man kann sagen, dass Tornados in Europa und Deutschland schon immer eine ganz normale Erscheinung waren.

Haben Tornados zugenommen ?
Diese Frage kann für Europa niemand wirklich sicher beantworten, da es keine zuverlässige Zählung in der Vergangenheit gibt.
Bei der Erfassung leichter Tornados gibt es einen allgemeinen Aufwärtstrend. Als Ursache gilt die genauere Erfassung heutzutage. Als Maßstab für eine Veränderung der Tornadohäufigkeit können die schweren Ereignisse dienen, denn diese wurden auch früher schon besser erfasst.
Das 1997 gegründete Kompetenzzentrum TorDach kommt zu dem Schluss, dass es in Deutschland keine Anzeichen für eine Zunahme schwerer Tornados gibt.1

Auch für die USA wird eine Zunahme verneint.1
" ‘Kein Hinweis auf eine zunehmende Häufigkeit von Tornados’ - Dies Ergebnis wird auch gestützt von den beiden Berichten des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC, 1996, 2001).1

Wird es in Zukunft mehr Tornados geben ?
Tornados zeigen eine Korrelation mit Gewittern. Prof. Latif schrieb mir, dass er mehr Gewitter und damit mehr Tornados in der Zukunft erwartet.6
Das sehen die Tornadoforscher vom Kompetenznetzwerk TorDach nicht so.7
..die Bedingungen der Entstehung schwerer Gewitter sind so speziell und so stark von kleinräumigen Einflüssen abhängig, dass es keinen einfachen Zusammenhang zwischen einer globalen Erwärmung und der sommerlichen Gewitteraktivität in Europa geben kann.7
Unterstützt wird dieses durch einen Vergleich der heutigen Gewitter mit denen in den letzten Jahrhunderten durch Prof. Rüdiger Glaser im Buch “Klimageschichte Mitteleuropas”.8
Untersucht wird die Zeit ab 1500 in Süddeutschland. In dem untersuchten Zeitraum war es deutlich kühler in Deutschland als heutzutage (kleine Eiszeit).
Die vorgestellten Datensätze machen deutlich, dass sich im Auftreten und der Struktur der Gewitter im Vergleich zu heute nichts Grundlegendes geändert hat. Dies gilt für die tägliche Verteilungskurve ebenso wie für das saisonale Auftreten.8

TornadoGate: die Bild-Zeitung und Prof. Latif über Tornados5
Bild:
“Was haben Tornados bei uns zu suchen?
Latif: „Eigentlich nicht sehr viel. Aber diese Wetter-Extreme treten auch bei uns immer öfter auf. Sie werden zu einem Problem, weil sie in ihrer Heftigkeit unberechenbar sind und blitzschnell entstehen.“
Noch handelt es sich überwiegend um Materialschäden. Müssen wir in Zukunft auch mit Toten rechnen wie in den USA?
Latif: „Leider ja. In Amerika leben die Menschen seit Jahrhunderten mit diesen gefährlichen Stürmen. Wir machen diese Erfahrung jetzt und stehen fassungslos vor den Trümmern, wenn etwas passiert. Das Bittere daran ist, dass es keine Insel der Glückseligen gibt. Gestern war es Hamburg, heute ist es Duisburg und morgen ist es Berlin oder Stuttgart.“

Diese Antworten von Prof. Latif sind entweder in der Sache oder der dramatisierenden Intention nach falsch und entsprechen nicht dem wissenschaftlichen Stand. Das ihm das bekannt war, ergibt sich aus einer E-Mail, die er mir am 22.07.2004 schrieb:
Die Beobachtungsdaten sind nicht belastbar, da man heute fast alle Tornados
entdeckt, vor ca. 100 Jahren aber viele Tornados durch das recht grobe
Messnetz gefallen sind. Der Trend, den man waehrend der letzten 100 Jahre
sieht, ist daher vor allem auf die Verbesserungen des Beobachtungsnetzes
zurueckzufuehren. ...”
Fazit: Prof. Latif weiß, dass Tornados schon lange hier hergehören, behauptet aber in der Bild das Gegenteil.
Prof Latif weiß garnicht, ob “diese Wetter-Extreme” “immer öfter auftreten, weil es keine “belastbaren Beobachtungsdaten gibt”. Er behauptet es also in der Bild wider besseres Wissen.
Seine Zitate in der Bild vom 20.07.2004 dementierte er nicht.

Prof. Latif schließt seine Ausführungen in Bild wie folgt ab und gibt der ganzen Sache dadurch einen Sinn:
Frage: “Sitzen wir in der Klimafalle?
 „Der Wandel ist längst da. ... Wir bekommen jetzt die Quittung. Aber es ist noch nicht zu spät, um das
Schlimmste zu verhindern.
“ “

Das wirft Fragen auf.
So forderte einst der bekannte Professor Stephan Schneider von der Stanford Universität und Verfasser einiger früherer IPCC-Kapitel seine Kollegen zu folgendem unwissenschaftlichen Verhalten auf:
 "... Um die öffentliche Aufmerksamkeit zu erringen, müssen wir erschreckende Szenarien entwerfen und mit vereinfachten und dramatischen Stellungnahmen in die Offensive gehen. Eventuelle Zweifel sollten wir nur am Rande erwähnen. Jeder von uns muss die richtige Balance dazwischen finden, effektiv zu sein und ehrlich zu sein."9
 

[hier wird gerade gearbeitet, bitte Geduld]

Wer nun mehr und sachgerechte Informationen zu Tornados erhalten möchte, der sei auf folgende gut gemachte Internetangebote hingewiesen:
www.TorDach.org/de und Tornados in Deutschland
Beide Anbieter nehmen sehr gerne Beobachtungen über Tornados entgegen.

01.08.2004/12.12.2009

Klaus Öllerer
Letzte Aktualisierung: 12.12.2009

Quellen:

* Bild online v. 20.07.2004

1. TorDach
“Mehr lokale Unwetter durch globalen Klimawandel?”
http://www.tordach.org/topics/globalchange_de.htm

2. TorDach
Tornado Klimatologie
http://www.tordach.org/de/tornado.htm

3. Tornados in Deutschland
http://www.saevert.de/tornlist.htm

4. An updated estimate of tornado occurrence in Europe
http://www.tordach.org/pdf/ecss02s.pdf

5. Bild vom 20. Juli 2004, online
Tornados über Deutschland
Warum toben die Herbststürme jetzt schon im Sommer?
http://www.bild.t-online.de/BTO/news/2004/07/20/unwetter__deutschland/unwetter__deutschland.html
nicht mehr online verfügbar, daher hier eine -> Kopie

6. Prof. Latif in einer E-Mail am 22.07.2004 (hier vollständiger Text)
“Zu den Tornados gibt es folgendes zu sagen.
1. Die Beobachtungsdaten sind nicht belastbar, da man heute fast alle Tornados
entdeckt, vor ca. 100 Jahren aber viele Tornados durch das recht grobe
Messnetz gefallen sind. Der Trend, den man waehrend der letzten 100 Jahre
sieht, ist daher vor allem auf die Verbesserungen des Beobachtungsnetzes
zurueckzufuehren.
2. Infolge der globalen Erwaermung erwarte ich aber, dass sich Tornados bei
uns haeufen werden, da wir mit mehr starken Gewittern zu rechnen haben, die
als Keimzellen fuer Tornados fungieren. Da wir bereits eine gewisse Erwaermung
realisiert haben (in Deutschland ca 1 Grad in den letzten 100 Jahren), ist
auch heute schon die Wahrscheinlichkeit fuer das Auftreten von Tornados leicht
erhoeht.
Mit freundlichem Gruss, Mojib Latif.”

6a. Bild v. 20.07.2004
Tornados über Deutschland Warum toben die Herbststürme jetzt schon im Sommer?
-> mehr

7. TorDach
“Mehr lokale Unwetter durch globalen Klimawandel?”
http://www.tordach.org/topics/globalchange_de.htm
“Es wird immer wieder argumentiert, eine globale Erwärmung hätte mehr Wasserdampf in der Atmosphäre und damit ein höheres Energieangebot für Gewitter zur Folge. Ganz grundsätzlich ist das zwar kein verkehrter Gedanke, aber die Bedingungen der Entstehung schwerer Gewitter sind so speziell und so stark von kleinräumigen Einflüssen abhängig, dass es keinen einfachen Zusammenhang zwischen einer globalen Erwärmung und der sommerlichen Gewitteraktivität in Europa geben kann. Klimaprognosen, z.B. für den süddeutschen Raum ergeben obendrein einen Trend zu nur wenig wärmeren, aber dafür wesentlich trockeneren Sommern. Dagegen sollen die Winter deutlich wärmer werden als bisher - und auch erheblich feuchter. Das klingt nicht unbedingt nach mehr schweren Sommergewittern, sondern eher nach mehr Dauerregen oder Schneemassen im Winter.”

8. Rüdiger Glaser
Klimageschichte Mitteleuropas, S. 187
ISBN: 3-534-14687-5

9. Professor Stephan Schneider von der Stanford Universität und Verfasser einiger früherer IPCC-Kapitel:
 "... Um die öffentliche Aufmerksamkeit zu erringen, müssen wir erschreckende Szenarien entwerfen und mit vereinfachten und dramatischen Stellungnahmen in die Offensive gehen. Eventuelle Zweifel sollten wir nur am Rande erwähnen. Jeder von uns muss die richtige Balance dazwischen finden, effektiv zu sein und ehrlich zu sein." 
http://en.wikipedia.org/wiki/Stephen_Schneider#Public_understanding_of_science
 

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If the facts change, I'll change my opinion.
What do you
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(John Maynard Keynes)

KlimaNotizen will dazu beitragen, dass die öffentlichen Diskussionen zur allgemeinen Klimaentwicklung ausgewogener werden.
Daher stehen hier vor allem Informationen, die in der öffentlichen Wahrnehmung zu kurz zu kommen scheinen.
Und daher ist KlimaNotizen selbst auch nicht ausgewogen.
Wer sich ein möglichst objektives Bild über Erkenntnisse und Meinungen verschaffen möchte, sollte selbst alle Informationen zur Kenntnis nehmen.
Dabei können die angeführten Links sehr hilfreich sein.

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Klaus Öllerer
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